Monte Vista, August 15. 1894


Lieber Vater und Geschwister!

Euern Brief vor 8 Tagen erhalten, worauf ich schon lange gewartet hatte, da ich noch immer keine Antwort habe auf meinen Brief mit den Bildern und auf einen Brief nachher. Ihr schreibt, Ihr hättet noch 3,80 Mark Porto bezahlen müssen. Ihr hättet die Annahme verweigern sollen. Daß ich mich verändert habe, mag wohl sein. Doch statt fetter zu werden, bin ich dürrer geworden. Von Karl habe ich 2 Briefe erhalten, den letzten am 7. Mai, worauf ich ihm noch nicht geantwortet habe, weil ich zu faul dazu bin. Auf Berthas Brief aus Daaden habe ich geantwortet. Wie es hier ist, werdet Ihr aus Berthas Brief gesehen haben. Die Zeiten sind noch sehr schlecht. Man dachte immer, es gäbe Krieg durch die vielen Streiks, aber es ist bis dahin noch nicht losgegangen, auch ist der Streik auf den Bahnen wieder beseitigt, aber man hört noch überall von Streiks. Werde an Robert auch bald einmal schreiben, doch ich bin jetzt noch zu faul dazu.

Die Ernte hier ist nicht sehr gut. Wir sind jetzt Weizen am schneiden, haben die Gerste schon geschnitten. Es hat dieses Jahr hier wenig geregnet und jetzt hat es für ein paar Tage geregnet, damit das Heu und die Frucht verdirbt. Das Heu haben wir fast alle gemacht. Von der Ziehung, das war ein schönes Stückchen.

Morgen vor 14 Tagen ist in Monte Vista das schönste Viertel abgebrannt und es wäre beinahe auch Hanna ihr Haus abgebrannt. Wir wußten nichts davon bis den nächsten Abend.

Was macht die alte Großmutter als noch und was machen Onkeln? Wie schwer wiegen eigentlich Bertha und Emilie. Ich habe jemand das
Bild gezeigt, welche meinte, Bertha wiege 200 Pfund. Wann hat eigentlich Bertha und Dora ihren Geburtstag?

Ich werde Euch bald noch einmal etwas Geld schikken. Wieviel weiß ich noch nicht. Habe von Karl 2 Wochen zurück einen Brief erhalten. Er wollte wissen wegen der Ziehung [Militär]. Ich habe die Geschichte lange vergessen. Ich glaube, daß der Paß noch in Monte Vista liegt. Es kann mich doch nichts helfen. Ich glaube, ich werde doch nicht wieder nach Deutschland kommen.

Dies ist wohl alles, was ich Euch zu schreiben habe und ich will nun schließen in der Hoffnung, daß Ihr alle noch so gesund und munter seid wie wir!

Beste Grüße an Euch alle

Euer August

 

Quelle: "Wir hatten ein schlechtes Schiff..." Briefe eines Westerwälder Amerika-Auswanderers 1892-1914

 

 

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